Kasachstan – Steppentanz mit Präsident

Was sagt ein milliardenschwerer Autokrat mit Hang zur Selbstinszenierung über sein Land aus? Und was kommt auf einer Reise davon an? Eine Fahrt durch Kasachstans große Steppe (2014).

Wenn Kasachstans 75-jährigem Präsidenten Nursultan Nasarbajew der Sinn nach etwas Neuem steht, lässt die Umsetzung nicht lange auf sich warten. Dann ändert er kurzerhand die Verfassung oder baut sich eine neue Hauptstadt. Während dem milliardenschweren „Führer der Nation“ angesichts utopischer Wahlergebnisse von bis zu 97,7 Prozent und lebenslanger Immunität nichts anderes übrig bleibt, als sich in seinem Erfolg zu suhlen, stößt er in der westlichen Welt auf harsche Kritik. Delikte wie Menschenrechtsverletzung, Korruption oder die Unterdrückung von Medien und Opposition werden da nicht gerne gesehen, von Wirtschaftsbossen und alternden Politikern aber wohlwollend ausgeblendet, wenn das Öl-,Gas- oder Beratungsgeschäft nur lukrativ genug ist. Nasarbajew schmückt sich gern mit Glanz und Größen – und gibt sich dabei betont bescheiden, indem er etwa öffentlich gegen Vorhaben zu seinen Gunsten interveniert. Kommt das an bei einer Reise durch sein Land?

Astana – eine Fantasie

Die Besucher drängen sich um das Podest mit dem goldenen Dreieck, in dem rechte Hände reihenweise versinken und Ausdrücke von Stolz, Vergnügen und Ehrfurcht auf zugehörige Gesichter zaubern. „Das ist der Handabdruck des Präsidenten“, erklärt eine Mitarbeiterin des Aussichtsturms Bajterek, auf dessen oberster Empore sich das vergoldete Objekt der Begierde befindet. „Wer seine Hand reinlegt, kann sich etwas wünschen.“

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Handabdruck, der keine Wünsche offen lässt.

Die Wartezeit bis zum Wunsch lässt sich mit der Aussicht überbrücken, die Nasarbajew in seiner nicht einmal zwanzig Jahre alten Hauptstadt Astana geschaffen hat. Vom Wahrzeichen der Stadt, dem Bajterek, kann der Blick schweifen, gold getönt, aus einer Kugel in siebenundneunzig Metern Höhe, die zusammen mit dem weißen Gerüst, das sie trägt, den Baum des Lebens symbolisiert. Auf dem legte der Legende nach der Wundervogel Samruk sein goldenes Ei mit allen verborgenen Bedürfnissen und Träumen ab, unerreichbar für die Menschen.

Weder unerreichbar noch verborgen präsentiert das Ei von heute eine Kulisse, die der futuristischen Fantasie eines kleinen Jungen ebenso entsprungen sein könnte, wie der eines aufstrebenden Alleinherrschers, der sich selbst ein Denkmal setzten wollte. Bei Nasarbajew, dem Sohn eines Hirten, der es erst zum Generalsekretär der kommunistischen Partei und nach dem Zerfall der Sowjetunion zum Präsidenten gebracht hat, sieht das wie folgt aus: Ein kunstvoll begrünter Boulevard mit Brunnenfontainen, umgeben von gläsernen Hochhausfassaden in runden, eckigen und welligen Formen. Dazwischen die gold funkelnde Kuppel der größten Moschee des Landes und die Spitze des größten Zeltes der Welt. Auf der anderen Seite der Präsidentenpalast, der sich zwischen goldenen Türmen wie das Weiße Haus mit blauem Dach offenbart. Am Rande dieser Kulisse dann – nichts. Außer Steppe. Da kommt auch das extreme Wetter her, mit Temperaturen von bis zu Minus 50 Grad im Winter und bis zu 40 Grad im Sommer.

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Vergoldeter Ausblick vom Bajtarek.

Die Wetterextreme hielten Nasarbajew im Jahr 1997 nicht davon ab, die Hauptstadt von Almaty im klimatisch milderen Südosten nach Akmola in der nördlichen Steppe zu verlegen. Mehr Erdbebensicherheit und bessere Vermischung der Ethnien, die sich historisch bedingt in verschiedenen Teilen des heute 17 Millionen Einwohner zählenden Vielvölkerstaats konzentriert hatten, sprachen offiziell dafür. Machtverteilung, Russlandnähe und größere Distanz zum gefürchteten Nachbarn China inoffiziell auch. Lediglich der Name des neuen Regierungssitzes, der sinngemäß „Weißes Grab“ bedeutet, musste der schlichten Bezeichnung Astana, also Hauptstadt, weichen. Mit Millionenprojekten wie der ganzjährig angenehm klimatisierten Luxus-Shoppingmall Khan Shatyr (das größte Zelt) konnte zudem einer anderen tödlichen Assoziation entgegengewirkt werden: Der ehemalige Deportationsort, an dem im zweiten Weltkrieg auch ein Kriegsgefangenenlager für Deutsche untergebracht war, verzeichnet von jeher ein starkes Wachstum in Wirtschaft, Stadtentwicklung und Bevölkerung. Mit über 800.000 Einwohnern leben heute mehr als doppelt so viele Menschen in Astana als noch 1999. Dass Wohlstand und Aufstreben herrscht, sieht man der Hauptstadt mit ihren zahlreichen Baustellen, aber auch den elegant-verhaltenen Bewohnern an.

Auf dem Bajterek widmet sich Nasarbajews Handabdruck derweil dem nächsten Wunsch – bei so viel Verehrung sicherlich eine Ehre.

Kontrastprogramm

130 Kilometer südwestlich von Astana: Das Glitzern der Hauptstadt ist Staub gewichen, der von kargen Grünstreifen aufwirbelt und grasende Kühe und umher laufende Gänse einhüllt. Einfache Häuser, die hinter Wellblech und Heuhaufen hervorragen und ein paar Hallen, die ihre besten Zeiten lange hinter sich haben, prägen das Bild der Schlagloch gesprenkelten Durchfahrtsstraße in der 6000 Einwohner großen Siedlung Korgalzhyn. Eine handbemalte Tafel wirbt für die Dienste einer Autowerkstatt, eine plakatierte für die von Nasarbajew. Die Strategie 2050, so soll sein lächelndes Konterfei versichern, wird Kasachstan in die Top 30 der höchst entwickelten Länder bringen. Mit Wirtschaftsmodernisierungen etwa, die besonders den strukturschwachen Regionen zugute kommen sollen.

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Gänse in Korgal´zhyn

Mit eindrucksvollen Strukturen kann diese Region augenscheinlich nicht aufwarten. Dafür kommt ihr zugute, was in Astana mit unzähligen Baumaßnahmen abgeschottet wird: Die Natur. Sie zieht Touristen, Forscher, Ornithologen, Studenten und Naturschützer aus der ganzen Welt zu den Korgalzhyner Seen. Das UNESCO gekrönte Naturschutzgebiet in der großen Steppe Saryarka gilt mit über einhundert Seen und mehr als dreihundert Vogel- und Tierarten als besonders wasser- und artenreich.

Kasachische Gastfreundschaft gibt es obendrein. Erleben kann man sie zum Beispiel bei Kenzhe Iskahov. Die 56-jährige, die hier mit ihrem Mann seit vielen Jahren ein Gästehaus betreibt, weiß internationalen Besuch zu erfreuen. Sie spricht etwas Englisch und ein paar Worte Deutsch, ist überaus mütterlich und nie um eine Anekdote verlegen. Zwischen reichlich Hausmannskost und Familiengeschichten erfährt der Besucher vom hiesigen Leben, das weit entfernt ist von der schillernden Regierungswelt. Nicht Nasarbajew sondern die Zeit ist hier der Maßstab aller Entwicklung, die sich nach Kenzhes Rechnung in vor und nach der Perestroika oder in Sommer und Winter unterteilt.

Während alleine die Vorstellung vom harten Winter Zuhörer aus gemäßigten Klimazonen frösteln lässt, wecken Schilderungen von alljährlicher Tulpenpracht und Vogelschwärmen Lust auf einen kompletten Sommer in der Steppe. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben sich Organisationen wie der deutsche NABU und Tourismusinitiativen dazu bewogen gefühlt, den Ökotourismus in der Region zu fördern. Die ersten Vertreter mit Tipps zum Aufbau von Gästehäusern kamen Ende der neunziger Jahre, die ersten Gäste schon kurz darauf. „Viele Touristen kommen“, sagt Kenzhe, die darüber hinaus auch Studenten und Forschern regelmäßig eine Herberge bietet.

Nicht jedem Gast sagt die einfache Unterkunft zu. Kenzhe begegnet dem – wie vielem anderen – mit fröhlicher Gelassenheit. Vom Niedergang der einst florierenden Kfz-Wirtschaft im Ort, von der die verwahrlosten Hallen noch zeugen, berichtet sie ebenso heiter wie vom wohlhabenden Araber mit Abneigung zur Gartendusche.

Eine Erklärung für diese Gelassenheit liefert ein Ausflug in die umliegende Steppe. Die kann man schlichtweg nur nehmen, wie sie kommt. Das kann lange Zeit nichts sein außer Gras. Mal hoch, mal flach. Mal grün, mal gelb. Mal satt, mal karg. Mittendrin immer wieder ein neuer See und, mit etwas Geduld, ein paar Steppenbewohner. Auch die muss man nehmen, wie sie kommen. Die Steppenadler und Rötelfalken auf Beutezug, die plötzlich aus dem Gras aufsteigen und genauso schnell wieder darin verschwinden. Die Möwen und Steppenkiebitze, die Alarm schlagen, wenn sie menschliche Störung vernehmen. Die Pferdeherden und Murmeltiere, die dahin galoppieren oder sich auf ihren Hügeln sonnen. Oder auch die seltenen Saiga Antilopen, diese bedrohten Tiere mit der Rüsselnase, von denen man erst einmal wissen muss, dass es sie überhaupt gibt.

Schweizerisch neutral

Außergewöhnliche Natur gibt es auch im Nationalpark Burabay, der sogenannten Kasachischen Schweiz. Die 230 Kilometer nördlich von Astana gelegene Steppen-Oase aus Seen, Bergen und Wald mit guter Luft und heilenden Quellen, lockt jährlich zehntausende Urlaubs- und Kurgäste aus Kasachstan und Russland an. Auch Nasarbajew kommt gerne her. „Der hat hier einen Privatsee“, weiß der 16-jährige Wowa, der mit seinen Freunden regelmäßig das Zelt in Burabay aufschlägt und immer genug Proviant dabei hat, um potenzielle Gäste einzuladen: „In Kasachstan haben wir für diesen Fall immer mehr dabei“.

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Schweizerische Idylle im Nationalpark Burabay.

Zu entdecken gibt es in Burabay viel: Vierzehn große und unzählige kleine Seen, märchenhafte Wälder und bizarre Felsformationen mit Namen wie Kamel oder Frauenschuh, die Kletterherzen höher schlagen lassen und auf mystische Legenden zurückgehen. Das Kamel war demnach ein gut gesinntes Wachtier, das Menschen vor Feinden warnte, bis es eines Tages einem Jäger zum Opfer fiel und versteinerte.

Nasarbajews Faible für Fantasie dürfte diese Umgebung entgegenkommen. Wowa und seine Freunde hingegen würden gerne mal woanders campen. Doch das ist in dieser Gegend – im Gegensatz zu den meisten anderen in Kasachstan – nur im Nationalpark legal. Einmal haben sie es außerhalb versucht und sind prompt von der Polizei erwischt worden. „Die Polizei in Kasachstan ist sehr korrupt“, bringt Wowa noch hervor bevor er in das Gelächter seiner Freunde einfällt. Das Ende vom Lied? Die Strafe wurde abgegolten. Mit zwanzig Litern Kirschen (selbstgepflückt).

Weniger amüsant, aber nachvollziehbar findet er die weiträumigen Sicherheitsvorkehrungen, die bei Nasarbajews Anreise getroffen werden und schon mal über Stunden alles lahmlegen können: „Der Präsident ist zwar beliebt, aber er hat auch Feinde und Angst vor Anschlägen“. Die Kehrseite der Medaille. Doch solange sie schimmert, nimmt Nasarbajew sie sicher gerne in Kauf.