Jakob Maria Mierscheid Weg – Märchenwald für ein Phantom

Eine Traumschleife des Saar-Hunsrück-Steigs ist einem politischen Phantom gewidmet. Wer sich auf seine Spuren begibt, trifft auf fliegende Frösche, Zwerge und märchenhafte Natur.

Das kolossale Näh-Set taucht unvermittelt am Waldrand auf. Eine überdimensionale Garnrolle mit rotem Faden ist umgeben von vier Fingerhüten, die so groß sind, dass sie nur die Pranken eines Riesen vor pieksenden Nadelstichen bewahren können. Ist das ein Märchenwald oder eine Fata Morgana?

Auf einem Wanderweg, der einem Phantom gewidmet wurde, ist beides nicht ganz abwegig. Beim Studieren der Informationstafel wird dann klar: Eine Fata Morgana ist es nicht, denn das Phantom hat einen Beruf erlernt. Einen Beruf wie aus dem Märchen, den nichts besser symbolisieren könnte als ein exorbitantes Näh-Set, auf dem sich obendrein die Brotzeit ausbreiten lässt.

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Eine von vielen kreativen Verweilmöglichkeiten auf dem Jakob Maria Mierscheid Weg.

Das Phantom, um das es hier geht, heißt Jakob Maria Mierscheid. Von Beruf ist es Schneider. Kein Tapferer wie im Märchen, der Widersachern von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt. Eher ein Kreativer, der zwischen Maßband und Anproben den Weg in die Politik fand und seit 1979 als SPD Bundestagsabgeordneter mit fragwürdigem Ideenreichtum Aufsehen erregt, ohne jemals selbst gesehen worden zu sein. Wenn auch Mierscheids legendäre Theorien nie von Perfektion gekrönt sind (z.B. das Wahlprognose-Verfahren Mierscheid-Gesetz – Die Rohstahlindustrie hat sich besser entwickelt als das Wahlergebnis der SPD) oder sie gleich im Sande verlaufen, so sorgen sie zumindest für Heiterkeit in politischen Kreisen.

Für seine Heimatgemeinde Morbach im Hunsrück war dies 2013 Anlass genug, dem berühmten Sohn zum 80. Geburtstag einen 13 Kilometer langen Wanderweg zu widmen. Eine Themenwanderung wie diese passe gut in die Tourismus-Strategie des Landes Rheinland-Pfalz und erreiche sogar „Wertschöpfung durch Humor“, heißt es zur Projektbegründung in einem Sitzungsprotokoll der Leader-Aktionsgruppe Erbeskopf.

Rund 40.000 Euro war der Gemeinde und der EU der Humor wert. Zwei Jahre später präsentiert er sich als Traumschleife des Saar-Hunsrück-Steigs an 14 Stationen, die, eingebettet in eine schmucke Wald- und Wiesenlandschaft, Einblicke in das private und politische Leben Jakob Maria Mierscheids geben.

Entscheidende Einfälle

Wer sich den literarischen Ergüssen auf den Informationstafeln hingibt, wird feststellen, dass Mierscheids Gedankengut durchaus revolutionäre Tendenzen aufweist. Und das so mancher seiner Einfälle nicht auf Eis gelegt wurde, weil er so schlecht war. Manchmal war es einfach nur eine gute Entscheidung.

Das Areal um einen verträumt-verwilderten Weiher, an dem ein Schild vor fliegenden Fröschen warnt, ist ein guter Beleg dafür. Es soll sich um die Überreste einer angelegten Seenlandschaft handeln, die einst die Standortfaktoren zur Austragung der Olympischen Spiele in Morbach verbessern sollten (Ruderwettbewerbe). Da sich mit dem Ausbau jedoch ideale Lebensbedingungen für den Morbacher Weitflugfrosch ergaben, wurde das Projekt gestoppt – Naturliebhaber und Frösche dürfen danken.

Auch der Vorschlag einer Morbacher Magnet Magistrale (MMM), also S-Bahn, die die 19 Ortsbezirke der Gemeinde miteinander verbinden sollte, geht auf Mierscheid zurück. Grundsätzlich ist das eine gute Idee für eine Region, in der Autofreiheit zwangsläufig klein geschrieben wird, weil wochentägliche Busse im Zweistundentakt das Höchstmaß der Gefühle im öffentlichen Nahverkehr sind. Doch alleine die Vorstellung einer S-Bahn im idyllischen Naturpanorama ist so absurd, dass es nicht einmal das statuierte Exempel einer Haltestelle an einem alten Wasserwerk gebraucht hätte. Zum Glück lässt sich der märchenhafte Anblick des alten Gemäuers vor verschlungener Buche auch mit dem Schild im Rücken genießen.

Romantisch.
Romantisch.

Nicht minder romantisch ist die Szenerie an der „Graue Lei“, einem imposanten Monolithen im Wald, den in seiner jahrtausendealten Beständigkeit selbst ein Phantom namens Jakob Maria Mierscheid nicht erschüttern kann. Der soll mit seiner geliebten Frau Helene (inzwischen verstorben) hier oft in trauter Zweisamkeit über Politik mit Herz und Verstand philosophiert haben. Ganz im Zeichen der Liebe lädt eine Bank leuchtenden Herzens zum Verweilen ein.

Nicht ganz nachvollziehbar vor diesem lieblichen Hintergrund ist Mierscheids Vorschlag zur Deregulierung der Ehe, in deren Zuge ein Bordell im Wald errichtet werden sollte. Da die Notwendigkeit der Maßnahme trotz fundierter Begründung in der Staatskanzlei nicht gesehen wurde, wurde an der geplanten Stelle einem anderen Verbesserungsvorschlag Mierscheids, dem reglementierten Garten, gedacht. So hat der Wanderer am Ende des Tages zwar immer noch kein Phantom getroffen, aber immerhin einen Zwerg.

Allgemeine Informationen Jakob Maria Mierscheid Weg

Saison: ganzjährig (nicht bei Schnee und Eis)

Dauer: ca. 4 Stunden, 13,4 Kilometer

Schwierigkeitsgrad: Leicht

Einstiege: Ortsbezirke Heinzerath, Gonzerath und Merscheid

Weitere Informationen:

Website Gemeinde Morbach